Strip Tower von Gerhard Richter in Sils © Engadin Tourismus

Graubünden erlebt eine Renaissance der Türme. Nicht aus Notwendigkeit oder Kontrollbedürfnis wie einst, sondern aus Neugier und Kontemplation. Die neuen Bauten stehen wie Ausrufezeichen in der Berglandschaft und laden ein, die Vertikale neu zu entdecken.

Türme waren seit jeher wichtige Orientierungspunkte für Reisende: Kirchturmspitzen über Dorfkernen markierten Konfessionen, Wehr- und Burgtürme entlang der Nord-Süd-Routen standen dort als Zeichen von Macht und Reichtum. Der Turm ist die älteste Geste des Menschen gegenüber der Landschaft – ein steingewordenes Ausrufezeichen. In Graubünden erlebt diese Geste derzeit eine Renaissance.

Tuor per Susch von Not Vital © Andrea Badrutt

Die zwei Türme von Not Vital
Den poetischen Auftakt setzt der Künstler Not Vital mit seinem „House to Watch the Sunset“ beim Schloss Tarasp. Der Bau wirkt wie eine begehbare Skizze im Raum: reduziert, still, archaisch in der Form und zeitgenössisch im Ausdruck. Wer ihn besteigt, erlebt nicht nur einen weiteren, sondern auch einen wacheren Blick.

House to Watch the Sunset von Not Vital © Dominik Täuber

Ein zweites Werk des Engadiner Künstlers ist die „Tuor per Susch“. Die permanente Installation beim Muzeum Susch wurde aus einem einzigen, zehn Meter hohen Marmorblock gehauen. Innen ausgehöhlt und begehbar, erscheint sie wie ein Monolith – schwer, still und fast zeitlos. Im Dialog mit den drei bestehenden Türmen des Dorfes erweitert sie die gewachsene Vertikale um eine künstlerische Setzung der Gegenwart.

Camera Obscura am Bernina Pass © Guido Baselgia

Der Turm, der auch eine Kamera ist
Am Berninapass steht ein Turm mit Funktion: die Camera Obscura von Guido Baselgia. Der Turm ist Teil des Stützpunkts des Straßenunterhalts und funktioniert zugleich als archaische Fotokamera. Durch eine kleine Öffnung fällt das Bergpanorama als lebendiges Bild in den dunklen Innenraum. Landschaft wird so zur Projektion und Aussicht zur Einsicht.

Holzinstallation Caschlatsch bei Disentis © Daniela Kienzler

Tradition und digitale Präzision vereint
Mit dem Holzturm #Caschlatsch bei Disentis kommt ein weiterer zeitgenössischer Bau hinzu. Entworfen und vorgefertigt im Robotic Fabrication Lab der ETH Zürich, vor Ort im traditionellen Zimmermannshandwerk montiert, verbindet der Bau digitale Präzision mit alpiner Bautradition. Die Installation wird damit selbst zum Ausdruck eines Übergangs – zwischen Handwerk und Technologie, zwischen gewachsenem Wissen und algorithmischem Entwurf.

Die Kulturstiftung Origen übersetzt das Turm-Motiv in eine dramatische Form. Die „Tor Alva“, der Weisse Turm von Mulegns, ist nicht nur das weltweit höchste Gebäude aus dem 3D-Drucker, sondern zugleich Bühne für die Produktionen von Origen. Sie ist ein vertikaler Kulturraum, der Gegenwart wagt und zugleich die Tradition der Zuckerbäckerarchitektur zitiert.

Weißer Turm, Mulegns © Switzerland Tourism/Hannes Heinzer

Neuer Zugang zur Vertikalen
Der neueste Turm in Graubünden ist der Strip Tower von Gerhard Richter in Sils. Er ergänzt die neue Turmlandschaft in eindrucksvoller Weise und setzt hier einen farbenfrohen Akzent. Für Reisende eröffnen diese Bauten einen überraschend aktuellen Zugang zur Vertikale – als Denkort, Blickschule und Einladung zum Perspektivenwechsel.

Switzerland.com

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