PresseTicker

Mindestlohnfreie Zeit für Praktika wenigstens auf sechs Monate ausweiten!

Tim Reckmann, pixelio.de

Tim Reckmann, pixelio.de

Ab Januar 2015 soll es so weit sein: der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 EUR wird eingeführt. Ein Grund, für viele Menschen aufzuatmen. Vor allem Studenten profitieren von dem neuen Gesetz – statt ihre knapp bemessene lernfreie Zeit mit 5 EUR-Jobs verschwenden zu müssen, um gerade so über die Runden zu kommen, können nun auch sie sich darauf verlassen, dass ihre Arbeit und der Zeitaufwand gewürdigt wird. Auch Praktikanten wird durch das neue Gesetz massiv geholfen – die Zeiten, in denen sie für 200 EUR monatlich eine 40 Stunden Woche absolvieren, sollen ab 2015 der Vergangenheit angehören. Nun meldet sich aber die Produzentenallianz zu Wort und fordert eine Ausnahmeregelung für Praktikanten im Bereich der Film- und Fernsehproduktion.

Laut Tarifautonomiestärkungsgesetz haben Praktikanten ab 6 Wochen Beschäftigung ein Recht auf den Mindestlohn. Die Produzentenallianz möchte diesen Zeitraum auf mindestens 6 Monate erhöhen. Da es für viele Filmberufe keine Ausbildung im klassischen Sinne gibt, sind (mehrmonatige) Praktika eine bedeutende Voraussetzung für den Einstieg in die Branche. Wenn man bedenkt, wie notwendig diese Praktika sind, kann sich kaum jemand, der sich eine Zukunft in der Filmbranche wünscht, darauf verzichten. Gleichzeitig müssen sich diese Interessenten allerdings auch finanzieren. Bei einer 35-40 Stunden Woche (exklusive potenzieller Überstunden) ist es dem Praktikanten schlichtweg nicht möglich, noch einen Job nebenher auszuführen. Das bedeutet: die Praktikumsvergütung ist seine einzige Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bezahlen. Wie soll ein Praktikant mit 200 EUR im Monat seine Wohnung bezahlen? Seine Lebensmittel? Nicht jeder Student erhält Bafög oder hat Eltern, die ihn finanzieren können. Praktika sind seit jeher berüchtigt dafür, die Arbeitnehmer auszubeuten und auszunutzen. Denn schließlich können sich die Praktikanten nicht wehren – als Studenten oder Azubis ohne abgeschlossene Ausbildung müssen sie Erfahrung sammeln, um später einen voll bezahlten Job finden zu können. Die Herabsetzung des Mindestlohns, insbesondere für einen derart langen Zeitraum wie 6 Monate (oder noch mehr) ist unfair gegenüber Praktikanten, die keine andere Wahl und keine andere Möglichkeit haben, sich zu finanzieren. Es gibt für sie nur zwei Möglichkeiten – entweder sie absolvieren kein Praktikum und es fehlt ihnen dann an Erfahrung oder sie absolvieren das Praktikum und stürzen sich in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Und genau das soll der Mindestlohn eigentlich verhindern. Niemand sollte Vollzeit arbeiten müssen und dafür menschenunwürdig vergütet werden. Gute Arbeit muss gewürdigt statt entwertet werden. Um für Jugendliche und junge Erwachsene eine gute Ausbildung zu garantieren, muss man ihnen die Möglichkeit geben, Erfahrungen zu sammeln, ohne dass sie sich Sorgen darüber machen müssen, ob und wie sie über die Runden kommen. Die Produzentenallianz sollte sich also Gedanken darüber machen, wie viel Wert sie guter Arbeit und Arbeitnehmern allgemein bemessen.

Denn an Menschen sollte in keiner Branche gespart werden.

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