PresseTicker

Inklusion an Gymnasien

Dieter Schütz, pixelio.de

Dieter Schütz, pixelio.de

Können wir tatsächlich alle Menschen als gleich bezeichnen, wenn wir sie von der ersten Sekunde an kategorisieren? Dass jeder Mensch den gleichen Wert hat, sollte heutzutage ein nicht bestreitbarer Fakt sein; in der Praxis, besonders im Bildungs- und Arbeitsalltag scheint es allerdings schwer, dies durchzusetzen. Das Thema der Inklusion spaltet Lehrer, Politiker und Eltern. Es wird die provokante Frage gestellt: schaden wir „normalen“ Kindern, um behinderten Kindern eine angenehmere Umwelt zu bieten? Inklusion ist nicht zuletzt deswegen ein Streitthema, weil die verschiedenen Vertreter grundverschiedene Perspektiven auf den Sachverhalt haben. Eltern wünschen sich, ihrem Kind die bestmögliche Ausbildung bieten zu können und es sozial beschützt zu sehen. Im Fall von Larissa hat eine Mutter ihren Willen durchgesetzt und ihr Kind trotz Down-Syndrom auf ein Gymnasium geschickt. Auf der anderen Seite zeigen sich Eltern von gesunden Kindern skeptisch, ob durch Inklusion nicht die Bildung ihrer Kinder gefährdet wird. Lehrer haben ihre ganz eigenen Schwierigkeiten mit dem Thema Inklusion – denn sie sind es letztendlich, welche die Kinder ausbilden müssen. Ein Kind mit Down-Syndrom braucht mehr Zuwendung, konstante Betreuung und ein speziell angepasstes Lernangebot, um sich positiv entwickeln zu können. Das behinderte Kind schafft es selten, physisch oder intellektuell mit den gesunden Kindern mitzuhalten. Die Betreuung eines behinderten Kindes stellt eine Situation dar, auf die Lehrer in ihrem Studium nicht vorbereitet werden.

Ist es fair, unausgebildete Lehrer mit dieser Situation zu konfrontieren?

Gehört der Umgang mit behinderten Menschen nicht eigentlich auch zum Bereich der Sozialarbeit statt zum Lehramt?

Zuletzt hat auch die Deutsche Politik vielseitige Interessen – sie will als fortschrittlich und menschenfreundlich angesehen werden, andererseits sind ihr aber auch die Ergebnisse der PISA-Studie wichtig. Werden diese durch Inklusion gefährdet?

Doch am wichtigsten – hilft die Inklusion behinderten Kindern bei ihrer Entwicklung?

Bietet sie gesunden und behinderten Kindern einen Mehrwert, fördert sie beidseitige soziale Kompetenzen? Oder werden gesunde Kinder sogar durch die Inklusion benachteiligt?

Von vorneherein muss man sich über eine Tatsache im Klaren sein: die wenigsten behinderten Kinder erlangen einen Schulabschluss, geschweige denn das Abitur. Selbst im Fall Larissa, bei dem das Kind von mehreren Pädagogen durch den Schulalltag begleitet wird, ist klar, dass sie niemals einen Schulabschluss erlangen wird. Während sich ihre Klassenkameraden mit Bruchrechnungen im Matheunterricht beschäftigen, erhält Larissa eigens für sie erstellte Aufgaben, die weit unter dem Niveau der anderen liegen.

Viele Eltern sorgen sich, dass ihre gesunden Kinder durch behinderte Kinder gebremst werden könnten, aber trotz der räumlichen Inklusion lernt das behinderte Kind getrennt von den anderen. Es erhält einen eigenen Betreuer und separate Aufgaben, was bedeutet dass das behinderte Kind nie in den Unterricht der gesunden Kinder eingreift. Hier stellt sich die Frage: wenn das behinderte Kind doch nur räumlich gemeinsam mit den anderen lernt, wieso soll man es dann überhaupt auf eine Regelschule schicken? Die Antwort: Auch wenn die Kinder keinen gemeinsamen Stoff lernen, so lernen sie gemeinsam. Mitgefühl und Verständnis sind wichtige Faktoren, um das Leben behinderter Menschen angenehmer zu machen. Indem man sie in die Gruppe integriert statt sie mit „Ihresgleichen“ auf die metaphorische Insel Elba ins Exil zu schicken, normalisiert man sie und ihre Lage. Es ist wichtig für gesunde Menschen den korrekten Umgang mit behinderten Menschen zu lernen und sie zu verstehen. Natürlich haben behinderte Menschen spezielle Bedürfnisse, aber sie brauchen Akzeptanz und Verständnis, genau wie alle anderen. Getrennt aber gleich ist niemals gleich. Carina, eine 25-jährige mit Down-Syndrom, erzählt in ihrem Blog vom Leben mit der Krankheit. Sie erzählt von ihrem Bildungsweg, dem Abschluss der Hauptschule, der teilweise verzweifelten Suche nach Arbeit und den Reaktionen ihrer Mitmenschen. „Ich fühle mich nicht behindert, werde aber manchmal von meinen Mitmenschen behindert.“, erklärt Carina.

Der finanzielle Aspekt darf zwar nicht ignoriert werden, aber die frühzeitige Förderung von behinderten Kindern hat soziale Vorteile, die nicht mit Geld aufzuwiegen sind. In einer Gesellschaft, die behinderte Menschen wahrhaftig akzeptiert und als gleichgestellt ansieht, wird es weniger Arbeitslosigkeit bei denselben geben und das wiederum führt dazu, dass weniger behinderte Menschen Sozialhilfe beziehen müssen.

Was bedeutet Inklusion für die Lehrer? Zum einen bedeutet es einen großen Mehraufwand, da getrennte Aufgaben für die behinderten und für die gesunden Kinder erstellt werden müssen. Da behinderte Kinder eine umfangreiche Betreuung benötigen, bedeutet es gleichzeitig erhöhte Kosten für Fachkräfte. Der wichtigste Punkt ist jedoch die Anpassung der Ausbildung aller Lehrkräfte. Man kann nicht von einem einfachen Beamten erwarten, korrekt mit einem behinderten Kind umzugehen. Sie müssen dazu ausgebildet werden. Der soziale Bereich der Behindertenpflege muss fließend ins Lehramt übergehen, so dass ein passender Umgang mit behinderten Kindern gewährleistet werden kann. Was ist mit Lehrern, die nicht mit behinderten Kindern umgehen wollen? Eine solche Frage sollte in unserer heutigen Gesellschaft eigentlich nicht mehr gestellt werden. Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und es ihm wegen einer Behinderung zu verwehren ist moralisch verwerflich. Nicht nur die soziale Kompetenz der Schüler, sondern auch der Lehrer muss geschult werden, um eine angenehme Lernatmosphäre für alle garantieren zu können.

Wieso sollen behinderte Kinder bevorzugt werden? Wieso erhalten schulisch und sozial schwächere Schüler keine zusätzliche Betreuung, um das Gymnasium besuchen zu können? Dies wirft viele Fragen über das bestehende Bildungssystem in Deutschland auf. Die Dreiteilung der weiterführenden Schulen und ihr Nutzen für die Bildung und soziale Kompetenz der Jugend ist vieldiskutiert. Im Laufe der Diskussion zum Thema der Inklusion sollte man auch die Dreiteilung hinterfragen; denn tatsächliche Inklusion scheint nicht einmal unter den gesunden Schülern stattzufinden. Nach der vierten Klasse werden Kinder, die kaum die Fähigkeit haben, über ihre Zukunft nachzudenken, geschweige denn so wichtige Entscheidungen zu treffen, durch ihre Eltern in eine von drei Richtungen gedrängt: Überdurchschnitt, Durchschnitt oder Unterdurchschnitt. Die Entscheidung zur Einteilung kann vielerlei Motive haben – viele Eltern wollen, dass ihr Kind das Abitur macht und später studiert, andere geben der Bildung ihres Kindes einen geringeren Stellenwert. Von dieser Sekunde an wird das Kind für immer in eine Kategorie eingeteilt und ausschließlich mit „Ihresgleichen“ konfrontiert. Außer das Kind oder seine Eltern bemühen sich privat um mehr, bleibt das Kind stets auf dem (sozialen und Lern-)Niveau des gewählten Weges. Ist es nicht auch bei gesunden Kindern wichtig, sie individuell zu fördern und schwächeren Schülern durch spezielle Betreuung unter die Arme zu greifen? Hier das Beispiel Norwegen: im Gegensatz zur Trennung ab der 5. Klasse, beschreiten alle Schüler in Norwegen den Bildungsweg bis zur 10. Klasse gemeinsam. Erst in den letzten zwei Schuljahren wird anhand von Leistungen und weiteren Ausbildungswünschen (z.B. Studium) getrennt. Außerdem gibt es Ansprechpartner für die Schüler, die rund um die Uhr erreichbar sind und die Schüler privat und schulisch betreuen. Eine weitere Besonderheit des norwegischen Systems: bis zur 8. Klasse werden die Schüler nicht benotet. Dies zeigt einen klaren Gegensatz zum deutschen, extrem leistungsorientierten Bildungssystem.

Wahrscheinlich liegt auch eben dort das soziale und politische Problem der Inklusion: die Angst vor dem Abfall der (schulischen) Leistungen. Da behinderte Kinder nicht im selben Sinn Leistungen erbringen können wie gesunde Kinder, psychisch oder physisch, wird ihre Bildung als weniger wertvoll angesehen. Ist der deutsche Zwang immer innovativ, erfolgreich und stark zu sein der Grund dafür, dass behinderte und schulisch oder sozial schwächere Kinder auf der Strecke bleiben? Wir müssen uns fragen: wollen wir wirklich in so einer darwinistischen Gesellschaft leben? Wirkt sich dieses krankhafte Konkurrenzverhalten positiv auf den Arbeitsmarkt und unsere Wirtschaft aus? Als Vergleich: Norwegen hat eine Arbeitslosenquote von 3,2%. Das steht der Arbeitslosenquote von 6,6% in Deutschland gegenüber.

Vielleicht ist es nicht notwendig, nach dem Gesetz des Stärkeren zu leben. Statt sich mit Ellenbogen zu bekriegen, könnte man auch lernen sich die Hand zu geben.

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