PresseTicker

Impulse für kulturellen Wandel

„Wenn wir Menschen uns einander zuwenden und wirklich zuhören,
wäre dies ein Moment, der vieles verändern würde.“

Vivian Dittmar, Sie bezeichnen sich als „Impulsgeberin für kulturellen Wandel“.
Bitte erklären Sie uns das genauer.

Vivian Dittmar: Durch meine Bücher, Vorträge, Veranstaltungen, Trainings und Seminare setze ich Impulse für Bewusstseinswandel. Kultur ist für mich die Summe all dessen, was wir für selbstverständlich nehmen, sie ist also eine Frage unseres Bewusstseins. Meine Kindheit und Jugend auf drei Kontinenten in sehr unterschiedlichen Kulturen hat mich sehr früh für die globalen Herausforderungen unserer Zeit sensibilisiert: die ökologischen Grenzen des Planeten, die große soziale Ungerechtigkeit, aber auch die innere Armut der Menschen, die mir vor allem in Europa und den USA sehr nahe gegangen ist. Mein Anliegen ist es daher, hier in Europa zu einem Wandel beizutragen — man könnte sagen, Entwicklungshilfe zu leisten. Ich möchte zur Entwicklung einer menschengerechteren Kultur beitragen.

Sie sind in Ihrem Leben schon viel gereist. Was haben Sie dabei gelernt?

Vivian Dittmar

Vivian Dittmar

Vivian Dittmar: Ich habe viel über Menschen gelernt — und über mich selbst. Der Alltag in sehr unterschiedlichen Kulturen und Lebensrealitäten hat mir bewusst gemacht, wie ähnlich wir uns alle sind. Und zugleich, wo wir uns bedingt durch unsere unterschiedlichen kulturellen Prägungen stark unterscheiden. Es hat meinen Sinn für die grundmenschlichen Themen geschärft. Mir wurde klar, wie stark die Normen und Werte der Menschen von ihrem kulturellen Hintergrund geprägt sind. Das hat mir gezeigt, dass diese nicht allgemein gültig sind, sondern Konventionen. Manche dieser Konventionen funktionieren sehr gut, andere sind überholt. Es hat mich in meinem Denken sehr frei gemacht, weil ich weiß, dass man die Welt durch so viele verschiedene Brillen sehen kann — und jede stimmt auf ihre Weise.

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Erfahrungen in Ratgebern niederzuschreiben?

Vivian Dittmar: Das ist, wie vieles in meinem Leben, eher zufällig geschehen. Es begann damit, dass ich für meine Seminarteilnehmer Handbücher verfasst habe, da ich bestehende Literatur zu bestimmten Themen unzulänglich fand. Zu Anfang war ich ehrlich gesagt nicht überzeugt davon, dass das eine gute Idee wäre. Ich hielt meine Erkenntnisse für offensichtlich, vielleicht sogar banal. Umso verblüffter war ich, als Leser mir begeisterte Rückmeldungen gaben.

Erfüllt Sie das Autorin-Sein? Oder müssen Sie sich manchmal zwingen, sich an den Schreibtisch zu setzen?

Vivian Dittmar: Ich liebe es zu schreiben, und ich zwinge mich grundsätzlich nie. Das hat keinen Sinn. Manchmal schreibe ich monatelang kein Wort. Doch in mir arbeitet das Thema die ganze Zeit weiter. Und dann gibt es Phasen, da bin ich förmlich besessen. Ich vergesse alles und wünschte sogar, ich könnte ohne Schlaf leben. Zu solchen Zeiten sprudelt dann auch schon mal ein ganzes Buch aus mir heraus — manchmal sogar völlig unvorhergesehen, wie es bei der “Kleinen Gefühlskunde für Eltern” passiert ist. Eigentlich wollte ich an dem Beziehungsbuch arbeiten, doch nach zwei Wochen saß ich vor der ersten Fassung des Elternbuchs.

Neben „beziehungsweise“ haben Sie auch das Werk „Gefühle und Emotionen“ geschrieben. Woher haben Sie die Antwort auf Gefühlsfragen?

Vivian Dittmar: Das frage ich mich auch manchmal. Ehrlich gesagt ist es wirklich so, dass mir oft Erkenntnisse zufliegen. Ich prüfe diese dann natürlich — erst für mich selbst, dann im Austausch mit anderen und oft auch in den Trainings oder Seminaren, die ich leite. Diese gestalte ich oft in Dialogform, stelle Fragen und schaue, ob andere zu ähnlichen Erkenntnissen kommen. Die Erkenntnisse destilliere ich dann in Modelle und frage Menschen, ob diese für sie hilfreich sind.

Wie kamen Sie auf die Inhalte von „beziehungsweise“? Waren es Ihre eigenen Erfahrungen?

Vivivan Dittmar: Das war ein längerer Prozess. Mein eigenes Beziehungsleben hatte sich im Laufe der Jahre Stück für Stück gewandelt: von absoluten Beziehungskatastrophen hin zu blühenden Gärten. Doch was steckte dahinter? Wie konnte ich das anderen vermitteln? Ich verließ mich auf die vertraute, bereits genannte Methodik: Einsichten, die ich in Dialogen prüfte und schließlich in Modelle destillierte.

Sie behaupten, eine Beziehung sei ein Prozess, den wir selbst gestalten. Wie können wir uns diesen Prozess vorstellen?

Vivian Dittmar: In jeder Beziehung passiert Entwicklung und Veränderung, einfach weil wir Menschen als lebendige Wesen ständigen Veränderungsprozessen unterworfen sind. Das wird oft ausgeblendet, und wir wollen den Partner auf etwas festnageln. Beziehung als Prozess zu leben bedeutet für mich, ständig offen zu sein für die Veränderungen, die in meinem Partner oder auch in mir geschehen. Das können neue Bedürfnisse, Interessen, Gewohnheiten oder Wesenszüge sein, die dann automatisch das ganze Beziehungsgefüge beeinflussen, denn ein Beziehungsgefüge ist wie ein Ökosystem. Diesen Prozess zu gestalten bedeutet, mit diesen Einflüssen zu tanzen, mit ihnen bewusst umzugehen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Doch sie sind ein Zeichen von Lebendigkeit. Wenn wir versuchen, diese auszublenden, landen wir häufig in der Stagnation, die Beziehung läuft sich tot.

Sie sagen, wir leben in einer „gesellschaftlichen Beziehungskrise“. Warum?

Vivian Dittmar: Überall sehe ich Menschen, die mit der herkömmlichen Art, Beziehungen zu leben, unzufrieden sind. Mit herkömmlicher Art meine ich Beziehungen mit einem klar vorgegebenen Machtgefälle, also Lehrer-Schüler, Chef-Mitarbeiter und früher eben auch Mann-Frau. Das war bis vor ein bis zwei Generationen ganz normal, in manchen Lebensbereichen ist es das immer noch. Doch der neue Ansatz, nämlich Beziehung auf Augenhöhe, ist noch nicht wirklich ausgegoren. Das zeigt sich in den hohen Scheidungsraten und in den Eltern, die verzweifelt zwischen autoritären und antiautoritären Ansätzen hin- und herpendeln. Auch in den Unternehmen, die ich als Beraterin begleite, sehe ich diese Krise. Immer weniger Menschen sind heute noch wirklich glücklich mit dem klassischen Chef-Mitarbeiterverhältnis — und zwar sowohl auf Chef- als auch auf Mitarbeiterseite. All das sind für mich Zeichen einer Krise, die ich jedoch als Zeichen eines tiefgreifenden Wandels sehe.

Wenn Sie eine Sache an der Welt ändern könnten, welche wäre das?

Vivian Dittmar: Oh, ich weiß nicht, ob ich mir das anmaßen würde. Als Kind habe ich oft davon geträumt, die Wechselkurse zwischen den reichen Industrienationen und den Drittweltländern so anpassen zu können, dass wir nicht mehr so grotesk reich wären im Vergleich. Das fände ich heute noch schön, habe aber nicht mehr die Naivität zu glauben, dass dann alles gut wäre. Heute träume ich manchmal davon, dass die ganze Welt einen Moment innehält, die Menschen sich einander zuwenden, erkennen, dass sie nicht alleine sind und einander wirklich zuhören. Ein solcher Moment würde alles verändern.

Wie wir beziehungsweise werden

 

Buchtipp

Vivian Dittmar
beziehungsweise
Beziehung kann man lernen
Verlag VCS Dittmar, 320 Seiten
ISBN: 978-3-940773-77-7
€ 17,50 (D),  € 17,50 (A), CHF 25,50 (CH)
auch als E-book erhältlich

Weitere Informationen zum Buch.

 

Über die Autorin

Vivian Dittmar ist Referentin, Seminarleiterin und Autorin. Sie engagiert sich seit Langem für eine ganzheitliche Entwicklung von Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft und Bewusstsein. Sie ist Autorin der Bestseller „Gefühle & Emotionen – eine Gebrauchsanweisung“  sowie „Kleine Gefühlskunde für Eltern: Wie Kinder emotionale und soziale Kompetenz entwickeln“. Als Beraterin, u.a. für das Terra Institute, begleitet sie Unternehmer und Führungskräfte in Wandlungsprozessen hin zu einer emotional, sozial kompetenten Kultur. Um Impulse für einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel zu geben, hat sie zudem die Be the Change-Stiftung gegründet. Neben ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Engagement ist sie passionierte Mutter von zwei Söhnen.

www.viviandittmar.net

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