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Aufreger: Facebook manipuliert News-Feed für Sozial-Experiment

Alexander Klaus, pixelio.de

Alexander Klaus, pixelio.de

Facebook und seine Nutzer haben seit jeher eine eher problematische Beziehung zueinander. Obwohl die Nutzer mit viel Liebe zum Detail jeden Aspekt ihres Lebens mit dem Netzwerk teilen, sind sie jedes Mal verärgert, wenn das Netzwerk ungefragt noch weitere Daten stibitzt. Eigentlich ist es fast ironisch, wenn man bedenkt, dass die Nutzer ihr Leben und ihre Seele dem Internet öffnen und dann wütend darüber sind, dass das Internet diese Daten auch nutzt. Zuletzt hat Facebook Schlagzeilen mit der Veröffentlichung einer Studie über das emotionale Verhalten seiner Nutzer gemacht. Über eine Woche hinweg im Januar 2012 hat das Netzwerk die Newsfeeds von rund 690 000 Nutzern der englischsprachigen Seite nach Emotionen gefiltert. Eine Hälfte sah besonders viele negative Statusmeldungen, die andere Hälfte besonders viele positive. Das Ziel der Studie war es festzustellen, wie Nutzer auf die positiven oder negativen Statusmeldungen ihrer Freunde reagieren – fühlen sich Nutzer bei positiven Meldungen ausgeschlossen und traurig? Halten sich Nutzer eher von Facebook fern, wenn sie konstant mit negativen Statusmeldungen konfrontiert werden? Interessant, wenn man bedenkt, dass Studien existieren die Facebook und weitere soziale Netzwerk mit Neid und Depression vieler Nutzer in Verbindung setzen. Facebook ist eine Scheinwelt. Jeder Nutzer hat die Möglichkeit, sich je nach Wunsch zu präsentieren. Er kann seine Attraktivität durch speziell dafür geschossene Profilfotos beeinflussen und seinen Charakter und seine Vorlieben durch die Statusfunktion mit der Welt teilen. Die Privatsphäre Einstellungen erlauben es den Nutzern weiterhin, der Welt nur so viel von sich zu zeigen, wie sie wollen. Facebook ist wie eine Bühne, auf der sich jeder von seiner besten Seite zu zeigen versucht. Die Faszination kommt daher, dass soziale Plattformen einem erlauben, nicht nur zu leben, sondern vor den Augen aller Menschen zu leben. Es ist ein tiefgehend narzisstisches System, das von „Likes“ und Kommentaren lebt.

Eine Handlung wird erst wertvoll, wenn man dabei gesehen und es „geliked“ wird. Beweise dafür sind zahlreiche Barabende oder Clubbesuche, bei denen die Freunde die Gruppe fotografieren und einen Großteil des Abends damit beschäftigt sind, diese Fotos hochzuladen, alle Anwesenden darauf zu markieren und sich einen möglichst geistreichen Titel einfallen zu lassen. „Sehen und gesehen werden“ ist hier das Motto. Durch diesen extremen Fokus auf Freundeskreise, gemeinsame feuchtfröhliche Partyabende, Reisen und so weiter fühlen sich Nutzer mit einem schwächer ausgeprägten sozialen Kreis wie Außenseiter. Was es aber zu beachten gilt, ist folgendes: die wenigsten Nutzer werden absichtlich die hässlichen Seiten ihres Lebens an die Öffentlichkeit tragen. Das bedeutet, dass das, was man in der Newsfeed über andere Nutzer liest, nur ein kleiner Teil der Wahrheit ist. Nutzer, die allerdings ohnehin an Einsamkeit und einem schlechten Selbstwertgefühl leiden, kann die Konfrontation mit den vermeintlich perfekten Leben der anderen Nutzer in die Depression treiben. Das Experiment fand heraus dass Nutzer, die mit weitgehend positiven Statusmeldungen konfrontiert werden, selbst ebenfalls größtenteils positiv reagieren.

Auch die Nutzer, die mit weitgehend negativen Statusmeldungen konfrontiert wurden, zeigten positive Reaktionen – somit wurden beide Thesen durch die Studie wiederlegt. Allerdings war es nicht die Studie selbst, sondern vielmehr die Durchführung Grund für die Aufregung. Viele Nutzer waren wütend darüber, dass ungefragt Experimente mit ihnen durchgeführt worden. Manche Nutzer störte es, dass sie durch den Filter viele Statusmitteilungen von Freunden verpasst haben (könnten). Während das Experiment moralisch definitiv fragwürdig war, muss sich Facebook zumindest rechtlich keine Sorgen über Konsequenzen machen: in den aktuellen Nutzerbedingungen wurde festgelegt, dass die Nutzer zustimmen, dass Daten für Studien und ähnliches gesammelt und (anonym) veröffentlicht werden dürfen. Wer sich Sorgen darüber macht, Statusmeldungen verpasst zu haben, wusste wahrscheinlich auch nicht, dass die Newsfeed jedes Nutzers sowieso nach bestimmten Algorithmen gefiltert wird, um die Flut an Meldungen einzudämmen.

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