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Amok-Läufer: Was sie antreibt, welche Warnzeichen es gibt

Dr. Psych’s Psychopathologie

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Immer wieder kommt es zu tödlichen Amokläufen an Schulen, am Arbeitsplatz, in Gerichtssälen, auf Ferieninseln oder sogar in Seniorenheimen. Doch auf den ersten Blick gibt es wenig Gemeinsamkeiten zwischen dem Amoklauf eines 19-jährigen Schülers am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, der 16 Menschen und sich selbst tötet, und dem eines 77-jährigen Rentners, der in einer Seniorenwohnanlage in Hamm einen Mitbewohner erschießt und drei weitere verletzt. Was also treibt diese Menschen an, zuerst andere und dann sich selbst zu töten? Seit einiger Zeit versuchen Forscher die Persönlichkeit von Selbstmord-Killern zu enträtseln.

Untersuchungen zeigen, dass psychische Störungen bei der Mehrzahl der Amokläufe eine Rolle spielen. Demnach wird jede zweite Amoktat durch psychisch kranke Täter begangen, die beispielsweise paranoid-schizophren oder auch depressiv sind. Einige Forscher sehen Parallelen zu terroristischen Selbstmord-Attentätern. Der Grund: Auch Terroristen leiden oftmals an psychischen Problemen und sind zudem häufig suizidal, weil sie nicht nur von dem Wunsch zu töten beherrscht sind, sondern auch von dem, getötet zu werden.

Bei allen Tätern gab es im Vorfeld Kränkungen, Enttäuschungen, soziale Brüche oder Verlusterfahrungen. Die meisten sind Außenseiter und haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie von anderen abgelehnt und zurückgewiesen wurden. Dabei haben Amoktäter die Eigenschaft, nicht zu vergessen und niemals zu verzeihen. Häufig haben sie kürzlich eine Trennung durchlebt, ihren Arbeitsplatz verloren und ihren sozialen Status eingebüßt. Auf all diese Erlebnisse reagierten sie ausgesprochen empfindlich und fühlten sich gedemütigt. Häufig konnten gerade jugendliche Amokläufer Hänseleien oder Zurückweisungen von Mädchen nicht verkraften.

Narzissmus, Minderwertigkeit, Größenwahn

Viele Täter fühlen sich als Opfer anderer Menschen oder bestimmter Umstände. Ganz egal, was sie auch tun und wie sehr sich auch bemühen, sie gehören einfach nicht dazu und werden ungerecht behandelt. Und mit jeder Zurückweisung und jeder Demütigung sinkt ihr Selbstwertgefühl. Sie entwickeln starke Minderwertigkeitsgefühle, die sie nicht aushalten können und daher verdrängen. Denn wer möchte sich schon als Versager fühlen oder vor sich selbst als „Looser“ dastehen? Es ist eine Qual für sie, sich klein, hässlich, dumm und unfähig zu fühlen. Deshalb flüchten sie sich in narzisstische Größenphantasien, in denen sie endlich berühmt, groß und mächtig sind und es den anderen vergelten.

In einer Studie zu Amokläufen an Schulen fanden Forscher bei 85 Prozent der jugendlichen Täter Anzeichen von Narzissmus wie beispielsweise den Wunsch nach Bewunderung und Fantasien grenzenloser Macht. Dies äußerte sich etwa in Bemerkungen gegenüber Schulkameraden wie „Ich komme noch mal ganz groß raus!“, „Alle werden über mich reden!“ oder „Ich werde mal Politiker!“ Auch gab es Täter, die Abschiedsvideos produzierten und hofften, durch ihren geplanten Massenmord weltweite Berühmtheit zu erlangen.

Amokläufer sind wie tickende Zeitbomben, und zunächst dringt nach außen. Sie planen ihren Rachefeldzug im Verborgenen und verhalten sich eher unauffällig. Erst beim eigentlichen Amoklauf „explodieren“ ihre Aggressionen. Auch von den üblichen Selbstmördern unterscheiden sie sich: In der Regel gehen einem Suizid mehrere gescheiterte Versuche voraus, aus dem Leben zu scheiden. Die auf Selbstzerstörung programmierten Täter hingegen bringen sich sofort um – oder erzwingen ihre Tötung durch Sicherheitskräfte.

Warnhinweise

Ein Amoklauf ist immer das Ergebnis einer ausweglos erscheinenden Situation. Allerdings ist es mitnichten so, dass nichts nach draußen dringt. Amokläufer stehen vor ihrer Tat unter einem solch enormen inneren Druck, dass sie keine andere Möglichkeit mehr haben, als etwas davon nach außen abzulassen. Fachleute nennen dieses Phänomen auch „Leaking“ – etwas sickert durch, das den Amokläufer „verrät“. Bei allen Tätern gab es klare Vorzeichen, die ihr soziales Umfeld hätten stutzig machen können.

Waffen spielen für Amokläufer immer eine herausragende Rolle. Wie im Fall des 19-jährigen Robert Steinhäuser, der im April 2002 mit einer Reisetasche voll Waffen und Munition loszog, eine Pumpgun auf dem Rücken trug und das Erfurter Gutenberg-Gymnasium stürmte. Er erschoss zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten.

Dass ein leichter Zugang zu Waffen problematisch ist, zeigen auch Fälle in den USA, wo es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen kommt. In Deutschland unterliegt der private Waffenbesitz zwar stärkeren Reglementierungen als in Amerika, dennoch ist es leicht, sich auch hier auf illegalem Weg Gewehre und Pistolen zu beschaffen. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 20 Mal mehr illegale Waffen als registrierte.

Die Gefahr von Nachahmungstaten

Während unter Suizid-Forschern Einigkeit darüber herrscht, dass suizidales Verhalten Nachahmung hervorrufen kann, wird diese Frage bei Amokläufen noch diskutiert. Dabei gibt es einige Erkenntnisse und Studien, die darauf hinweisen, dass es auch bei Amokläufen Nachahmungstaten gibt. Die meisten dieser Taten geschehen in den folgenden zehn Tagen nach einem Amoklauf. So wurden nach dem Amoklauf in Winnenden knapp 20 männliche Jugendliche stationär aufgenommen, weil bei ihnen die Gefahr von Nachahmungstaten bestand. Bei drei von ihnen war es vermutlich „kurz vor 12“.

Lassen sich Amokläufe verhindern? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Vielleicht könnten wir Amokläufe verhindern, wenn wir unseren Mitmenschen achtsamer, mit mehr Einfühlungsvermögen und Empathie begegnen würden, wenn wir sie sensibler beobachten und auf Warnsignale achten. Vielleicht ist es manchmal nur eine Andeutung, die wir zufällig aufschnappen, doch gerade diese Andeutung, ein Halbsatz oder auch nur ein Wort, könnte schon ein entscheidender Hinweis sein. Vielleicht sollten wir hellhörig werden, wenn Menschen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter von einem Amoklauf oder auch von Rache sprechen.

In einer Studie zu Risikoindikatoren schwerer Gewalttaten an deutschen Schulen fand die TU Darmstadt in der Mehrzahl der Fälle Suizidäußerungen vor der Tat. Und vielleicht hilft es auch, wenn wir so manches Mal über unseren Schatten springen und Beziehungen zu den Menschen aufnehmen, die als Außenseiter leben, sich minderwertig oder gedemütigt fühlen und sich gerade deshalb zunehmend isolieren und abkapseln. Vielleicht hilft es, wenn wir uns bemühen, gerade diese Menschen in ein soziales Miteinander einzubinden.

Es bleiben also viele Vermutungen, denn ein Patentrezept gibt es nicht: Zu unterschiedlich sind die Faktoren, die zu einer Tat führen können. Zu komplex die Beweggründe der Täter – um sie in allgemeingültige Raster pressen und sichere Vorhersagen treffen zu können.

Literatur: Maxeiner, S., Rühle, H. (2015), „Dr. Psych’s Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychtherapie“, 2. Aufl., Band 2, Kapitel Amok, S. 467 ff., Jerry Media Verlag

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